Der
Sammler Rudolf
Physische
und psychische Krisen, gepaart mit einer introvertierten und grüblerischen
Persönlichkeit, bedingten einen zunehmenden Rückzug in private Bereiche.
Rudolf schuf sich seine eigene Welt, die ihn nie enttäuschte und in der
Schönheit und Erkenntnis herrschten. Er war seiner Veranlagung nach ein
wißbegieriger Sammler. Er nützte zahlreiche Gelegenheiten, Gelehrte und
Künstler an seinen Hof zu berufen. Im allgemeinen bewies er dabei meist
Sinn für Qualität, in mancherlei Hinsicht war er doch auch leichtgläubig
und abergläubisch. Jedes wichtige Fach war vertreten: Medizin, Astronomie
(beispielsweise waren Tycho Brahe und sein Nachfolger Johannes Kepler Hofastronomen
in Prag), Astrologie, Chemie (und Alchemie), Botanik, Rechtswissenschaft,
Geschichte, u.a.m., vor allem aber die Kunst in all ihrer Bandbreite. Seit
1580 hielt sich der Kaiser überwiegend in Prag auf (obwohl er die Stadt
erst drei Jahre später zu seiner Residenz bestimmte) und begann hier auch
die Hofkünstler zu versammeln.
Ausgewählte Künstler
Giuseppe Arcimboldo (Mailand 1527 - Mailand 1593)
wurde bereits 1562 - also noch zur Regierungszeit Ferdinands I. an den Hof
gerufen. Er war in der Folge auch für Maximilian II. tätig und schuf zu
dieser Zeit zahlreiche seiner berühmten Kompositionen und Allegorien. Arcimboldos
unerschöpfliche Phantasie, Vielseitigkeit und außergewöhnliche Persönlichkeit
bezauberten den jungen Thronfolger Rudolf so sehr, daß er für ihn weitere
neue Aufträge bereit hatte. Arcimboldo war sechzig Jahre alt, als er Rudolf
II. bat, in seine Heimatstadt Mailand zurückkehren zu dürfen.
Bartholomäus Spranger (Antwerpen 1546 - Prag 1611) wurde in seiner Geburtsstadt
als Maler ausgebildet, reiste später nach Frankreich und Italien und entschloß
sich sodann, an den Hof Maximilians II. nach Wien zu gehen. Erst in Prag
begann sein künstlerischer Aufstieg. Rudolf II. beobachtete regelmäßig die
Arbeiten seines Hofmalers (das Atelier befand sich im kaiserlichen Palast).
U.a. hatte Spranger nach seiner Ankunft in Prag begonnen, einen Zyklus mythologischer
Bilder (nach Ovid) zu malen, eine spätere Bilderfolge widmete sich verschiedenen
Begebenheiten aus dem Leben der Venus. Raffinierte Verteilung von Licht
und Schatten, virtuose Beherrschung der Darstellung des menschlichen Körpers
in oftmals sehr erotischen Posen verbunden mit einer sonderbaren Expressivität
kennzeichen seine Gemälde. Im Wiener KHM sind ausgezeichnete Werke dieses
Künstlers ausgestellt.
Von Joseph Heintz d. Ä. (Basel 1564 - Prag 1609), einem Schweizer
Maler und Architekten, sind sehr schöne religiöse Arbeiten, aber auch eine
"Leda mit dem Schwan" u. a. in der Prager Nationalgalerie erhalten. Sein
Portrait Rudolfs II. (1594) befindet sich im KHM zu Wien.
Hans von Aachen (Köln 1551 oder 1552 - Prag 1615) bekam um 1592 den
ehrenvollen Auftrag, in Prag als Hofmaler arbeiten zu können. Er beherrschte
alle Genres meisterhaft. Als Portraitist (das Bildnis der Kaisers hängt
im KHM Wien) verstand er es, viel vom Charakter der abgebildeten Persönlichkeit
mitzuteilen. Die italienische Schule wurde dagegen bei der Gestaltung seiner
mythologischen und religiösen Bilder sowie der Allegorien sichtbar. Aachen
gehörte zu den Vertrauten Rudolfs und war wohl auch ein enger Freund des
Kaisers.
Der Bildhauer Adrian de Vries (Haag, ca. 1545 - Prag 1626) war ursprünglich
in der Werkstatt Giovanni da Bolognas (genannt "Giambologna") tätig. Die
ersten Arbeiten für Rudolf entstanden um 1593. Für des Kaisers Kunstkammer
schuf er einige Reliefs, lebensgroße Bronzestatuen, aber auch zahlreiche
Kleinplastiken. Vries verherrlichte seinen Auftraggeber mit drei großen
und ausdrucksstarken Büsten.
Der Sammler Rudolf
Rudolfs Sammeleifer entsprangen entsprangen hervorragende Erwerbungen: Gemälde
von Dürer (für das Allerheiligenbild bezahlte der Kaiser den hohen Preis
von 700 Talern!), Breughel oder Corrregio; er besaß etwa auch die "Gemma
Augustea" - den bedeutendsten römischen Kameo, etwa 10 n. Chr. entstanden.
Agenten und Gesandte stellten Erkundigungen nach Sammelobjekten an und sandten
Kunstwerke von Rang nach Prag. Rudolf erwies sich auch auf dem Gebiet des
Kunsthandwerkes als unermüdlicher, leidenschaftlicher Sammler und großzügiger
Mäzen. Er beschäftigte Goldschmiede, (Edel)Steinschneider, Uhrmacher, Mechaniker,
Kupferstecher, Schnitzer u.a.m. Von den Goldschmieden mit hohem künstlerischen
Rang sollen Anton Schweinberger, Paulus von Vianen und Hans Vermeyen erwähnt
werden. Die Krone Rudolfs II., heute in der Wiener Schatzkammer aufbewahrt,
stammt aus dem Jahre 1602.
In den Prager Hofwerkstätten entstanden hervorragende Steinschneidearbeiten:
Prunkgefäße, Becher und Schalen aus Jaspis, Achat und Bergkristall. Ottavio
Miseroni hieß einer der bedeutendsten Steinschneider jener Zeit. Von Giovanni
Castrucci stammen wunderbare "Pietre Dure" - Arbeiten, kunstvolle Steineinlegearbeiten,
zuweilen als Wandbilder gefertigt, zuweilen als Intarsien in Möbel und Kassetten.
Der Leibarzt des Kaisers, Anselm Boethius de Boodt war auch ein Fachmann
für Steine und Steinschnitt. All diese Kostbarkeiten und vieles andere mehr
(Uhren, Automaten, Wachsbossierungen, Elfenbeinschnitzereien, "Naturwunder",
Mineralien und andere Naturalien sowie die meist aus St. Joachimsthal stammenden
"Handsteine") waren in 3 oder 4 gewölbten Räumen der Prager Burg untergebracht.
Die Kunst und Wunderkammer
Die Rudolfinische Kunst- und Wunderkammer zählte zu den wichtigsten derartigen
Sammlungen der ganzen Welt. 37 Kästen enthielten die kleineren Gegenstände,
anderes lag auf Tischen oder war in Truhen untergebracht. Rudolf II. ging,
vor allem in seinen späteren Lebensjahren, völlig in seinen Sammlungen auf.
Die politischen Geschäfte des Oberhauptes des Römischen Reiches deutscher
Nation mußten zurückstehen, wenn es galt, ein neues Sammlungstück zu bewundern.
Zahlreiche Sammlungsstücke stammten aus der Ambraser Kunstkammer seines
Onkels, Erzherzog Ferdinand II. von Tirol, dessen Nachlaß Rudolf erwerben
konnte.
Die idealen Bedingungen für Künstler und Kunsthandwerker am Prager Hofe
Rudolfs II., die Unterstützung durch den empfindsamen und gegenüber neuen
Errungenschaften aufgeschlossenen Kaiser, führten zur Schaffung außergewöhnlicher
Kunstwerke, und ermöglichten es, das Kunsthandwerk zu einer Hochblüte zu
bringen. Das Wiener Kunsthistorische Museum, speziell aber dessen Kunstkammer,
verdanken Ihren weltweit hervorragenden Rang und ihr Ansehen nicht zuletzt
den Beständen aus den Rudolfinischen Sammlungen und der Prager Hofkunst,
die noch vor der Plünderung durch die Schweden 1648 nach Wien transferiert
wurden.
Prachtvolle Stücke